Rechtsradikaler Übergriff auf den Fachschaftsraum und das Historische Seminar

In den letzten Wochen sind an der Universität Sticker des der rechtsradikalen Szene zuzuordnenden Onlineshops „Phalanx Europa“ verklebt worden. Im Philosophicum wurden diese Sticker in Toiletten und öffentlich in Treppenhäusern geklebt, aber auch gezielt an die Türen von Mitarbeiter*innen des Historischen Seminars und der Fachschaft Geschichte. Dabei wurden ebenfalls gezielt Ankündigungen zu Veranstaltungen überklebt, die sich mit der Geschichte des Dritten Reiches beschäftigen.

Natürlich ist es nicht ungewöhnlich, dass Sticker mit politischen Botschaften in einer Universität verbreitet werden. Wir möchten aber als Fachschaftsrat Geschichte aus zwei Gründen darauf eingehen: Erstens lassen sich diese Sticker von Ursprung und Inhalt der sogenannten Identitären Bewegung (IB) und damit einer rechtsradikalen Gruppe zuordnen, ohne dass diese Sticker selbst das offenlegen; zweitens geht es uns konkret darum, das Geschichtsbild zu dekonstruieren, das über diese Sticker verbreitet werden soll.

Der genannte Online-Shop „Phalanx Europa“ verbreitet nicht nur Sticker und anderes Merchandise, wie z.B. Kleidung mit dem Corporate Design und den Slogans der IB und einer Vorgängerorganisation „Der Funke“, sondern auch entsprechende Literatur, die das verbreitete Geschichtsbild legitimieren soll. Das wird auf der Seite des Onlineshops aber nicht offengelegt. Allerdings ist im Impressum Herr Patrick Lenart namentlich aufgeführt, der auf der Website der Identitären Bewegung Österreich als Gründungsmitglied und aktueller Co-Leiter der IB genannt wird und auch in der Forschungsliteratur zur radikalen Rechten als Führungsmitglied der IB identifiziert werden kann.

Bei der Identitären Bewegung handelt es sich um eine neonazistische Organisation, die auch von verschiedenen Landesämtern und dem Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet wird. Ihren Ursprung nahm die neurechte Gruppierung zunächst in Frankreich und Österreich, seit 2012 entstehen auch in Deutschland zunehmend neue Ableger. Durch öffentlichkeits-    wirksame Aktionen, wie etwa die Besetzung des Brandenburger Tors im August 2016 oder der Blockierung der CDU-Parteizentrale in Berlin, versucht die Gruppierung auf eine angebliche ,Überfremdung‘ und ‚Islamisierung‘ Europas aufmerksam zu machen. Auch über das massenhafte Verkleben von Stickern versucht die IB Öffentlichkeit zu schaffen und wirbt vor allem in den sozialen Netzwerken um die Unterstützung ihrer Ziele. Dabei hetzen ihre Mitglieder und Sympathisant*innen gegen Flüchtlinge, Muslim*as und politisch Andersdenkende.

Die graphische Aufmachung von Propagandamaterial, Symbolik und Merchandise der Bewegung ist bewusst popkulturell gehalten und soll vor allem jüngere Interessent*innen ansprechen. Durch aktionistische Kampagnen und einen pseudointellektuellen Deckmantel ihrer rechtsradikalen Ideologie versucht die Gruppierung rassistisches Gedankengut weiter salonfähig zu machen.

Vom klischeehaften Bild des dumpfen, Springerstiefel tragenden Neonazis grenzen sich die Mitglieder bewusst ab. Hinter der hippen Aufmachung versteckt sich jedoch eine elitäre, professionell geführte Kaderstruktur. Die Mitglieder der Identitären durchlaufen politische Schulungen, üben sich zum Teil in Kampfsport und sind bestens vernetzt in andere organisierte rechtsradikale Strukturen. Zur AfD unterhält die IB teils freundschaftliche Kontakte, die besonders über personelle Schnittmengen im Burschenschaftsspektrum deutlich werden, außerdem sind persönliche Verbindungen mit der NPD sowie weiteren Neonaziorganisationen bekannt. Bei der Identitären Bewegung handelt es sich also keineswegs um eine Ansammlung harmloser ‚besorgter Bürger‘.

Zur Beschreibung der Sticker: Vor dem Hintergrund der typischerweise von der IB verwendeten schwarz-gelben Farben sind stilisiert Prinz Eugen, Leonidas sowie Karl Martell dargestellt mit der Aufforderung „Prinz Eugen – Leonidas - Karl Martell - Do it again!“. Ein weiterer Sticker zitiert Carl Schmitt, ein Vordenker der Faschisten und der „konservativen Revolution“ in der Weimarer Republik.

Mit Leonidas, Karl Martell und Prinz Eugen sollen drei historische Figuren als ideologische Vorbilder der IB reinterpretiert werden. Als chronologisch erste historische Persönlichkeit wird auf dem Sticker Leonidas erwähnt. Gemeint ist damit Leonidas I. (490-480 v.Chr einer der beiden spartanischen Könige), welcher während der ersten Schlacht bei den Thermophylen als Feldherr eines kleineren griechischen Bündnisses eine Niederlage erlitt und getötet wurde. Anders als der Sticker suggeriert, gibt es keine erhaltene antike Darstellung des Leonidas, auf dem Sticker findet sich das Bild einer modernen Darstellung.

Mit dem Aufgreifen der historischen Figur des Leonidas und der spartanischen Symbolik - das Lambda, ein Erkennungszeichen der IB, war in der Antike auf den Schilden spartanischer Krieger zu finden - stellen sich die Identitären in die direkte Tradition national-        sozialistischer Geschichtsverklärung. Im Dritten Reich wurde Sparta bewundert und von einer wachsenden Gruppe von Althistorikern und Philologen verklärt. So wurden nicht nur Auslese und Kindesaussetzung in einem ‚rassehygienischen‘ Kontext verstanden, sondern auch das Erziehungssystem (Agoge) und somit die Formung von Jungen zu ‚harten, männlichen Soldaten‘ und die von ihnen getrennt erzogenen Mädchen in das sexistische Familienbild des NS eingeordnet.

Speziell die Schlacht bei den Thermophylen 480 v. Chr. wurde und wird immer wieder benutzt, um das angeblich aufopferungsvolle Verhalten der ‚arischen Art‘ gegen den einfallenden ‚Untermenschen‘ zu unterstreichen. Außerdem wird damit versucht, eine historisch betrachtet vollkommen haltlose Kontinuität zwischen den antiken Völkern des mittleren Ostens und späteren islamisch geprägten Gesellschaften dieser Region herzustellen, die nach der Ideologie der IB ebenso versuchten und versuchen den europäischen Subkontinent zu ‚erobern‘. Ein prominentes Beispiel für eine entsprechende Analogie historischer Deutung ist der nationalsozialistische Politiker und Kriegsverbrecher Hermann Göring, dessen Bild von der Schlacht bei den Thermophylen dem der IB gleicht. So stellte er das antike Gefecht in eine Linie mit der Schlacht um Stalingrad und behauptete: „Auch damals war es ein Ansturm aus dem asiatischen Osten, der sich hier am nordischen Menschen brach.“

Die Nennung Karl Martells auf dem Sticker bezieht sich auf den fränkischen Hausmeier Karl Martell (~688 - ~741), unter dessen Kommando 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers die von der spanischen Halbinsel nach Norden vorgestoßenen ‚Mauren‘ besiegt wurden. In der mittelalterlichen Überlieferung wurde dieser Schlacht weitaus weniger Bedeutung zugemessen als den Kampfhandlungen, die sich in der Levante zwischen dem byzantinischen Reich und dem Umayyaden-Kalifat abspielten. Erst im 18./19. Jahrhundert wurde mit dem sich ausbildenden Nationalismus der bereits fast vergessene Sieg zu einer ‚Rettung Europas‘ stilisiert. In der modernen Forschung dagegen wird der Vorstoß der ‚Mauren‘ nach Tours als bloßer Plünderungszug gesehen, dem keine Expansionsbestrebungen in den im Vergleich zum Mittelmeerraum kalten und unterentwickelten Norden Europas zu eigen waren.

Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736) war ab 1697 Oberbefehlshaber im als Großer Türkenkrieg (1683-1699) bezeichneten Krieg einer Allianz aus dem Heiligen Römischen Reich unter Führung und hauptsächlicher Beteiligung Österreichs sowie Polen-Litauen und später dem russischen Zarenreich gegen das Osmanische Reich. Unter seinem Kommando wurde 1697 die Schlacht von Zetna geschlagen, die in einer vernichtenden Niederlage der Osmanen endete und in deren Folge im Frieden von Karlowitz 1699 der Krieg zugunsten der Allianz beendet wurde.

Der Große Türkenkrieg ist einzuordnen in den gesamteuropäischen Machtkampf Frankreichs, der spanisch-österreichischen Habsburger, des Osmanischen Reiches und des russischen Zarenreiches. Die Konfliktlinien verliefen nicht religiös, sondern politisch: Auf Seiten der Allianz kämpften auch muslimische Tartaren, für die Osmanen christliche Truppen vom Balkan. Der Krieg wurde 1689 von Frankreich genutzt, um den Pfälzischen Erbfolgekrieg gegen das Heilige Römische Reich zu eröffnen. Gleichzeitig wandelte sich die Allianz nach dem Sieg über die Osmanen im nachfolgenden Spanischen Erbfolgekrieg zur antifranzösischen Koalition, 1701-1714 ebenfalls unter Führung von Prinz Eugen. Für Frankreich waren die Osmanen wegen deren Stellung gegen das habsburgische Österreich und Ungarn interessante Bündnispartner gewesen. Im Krimkrieg 1853-1856 richtete sich Frankreich im Bündnis mit England und dem Osmanischen Reich gegen das russische Zarenreich, um dessen Expansion in den Mittelmeerraum zu begegnen. Im Ersten Weltkrieg schließlich formten die Mittelmächte, das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich eine Koalition gegen Frankreich, England und Russland. Ein imaginiertes ‚christliches Abendland‘ war und ist in der Realpolitik der europäischen Mächte und ihrer Heerführer stets nachrangig gewesen.

Mit der Aufforderung „Do it again!“, welche sich auf dem Aufkleber der Nennung der drei historischen Personen anschließt, konstruieren die Urheber einen Bezug von der Vergangenheit zur Gegenwart. Es wird versucht, die drei Persönlichkeiten in eine vermeintliche Kontinuität des ‚heroischen Abwehrkampfes‘ des ‚Abendlands‘ gegen feindlich gesinnte ‚Invasoren‘ einzubinden. Die IB versucht, singuläre historische Ereignisse für ihre Propaganda zu missbrauchen und sie im Sinne ihres durch die radikale Rechte geprägten Konzepts des ‚Ethnopluralismus‘ zu verklären. Unsere Aufgabe als Studierende des Faches Geschichte sollte es sein, gegen die Vereinnahmung von Geschichte für propagandistische Zwecke einzustehen und Brüche in vermeintlichen historischen Kontinuitäten aufzuzeigen. Auch wollen wir mit dieser Stellungnahme einen kleinen Teil dazu beitragen, um die harmlos anmutende Fassade der Identitären zu dekonstruieren.

Von einem modernisierten Auftreten der Gruppe und deren Vereinnahmung positiv konnotierter Protestformen sollten wir uns nicht täuschen lassen. Durch ihre Wahl der Fachschaft als Angriffsfläche für ihre Sticker wird schließlich eines deutlich: Die Identitäre Bewegung steht in einer geschichtsverklärenden, Mythos-gesättigten Tradition der radikalen Rechten in Deutschland und Europa. Angriffsfläche bieten also all diejenigen, die sich kritisch mit nationalen Geschichtsbildern beschäftigen und auch nur den historischen Konstruktcharakter Deutschlands, Europas, ‚des Abendlandes‘ oder ähnliches in Frage stellen - bereits damit erscheint die Fachschaft und die moderne Geschichtswissenschaft als politischer Gegner der IB. Die Identitären verfolgen mit diesem Geschichtsbild eine reaktionäre Vorstellung, die von einem Rassismus geprägt ist, der auf ‚Kulturgruppen‘ und deren vermeintliche Unvereinbarkeit verweist, ein Rassismus der prominent von Thilo Sarrazin, Björn Höcke etc. vertreten wird und sich in besonderem Maße als Rassismus gegen Muslim*as richtet. Die IB trägt zu dieser Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas gegenüber Minderheiten bei und steht somit einer offenen Gesellschaft, welche die Gleichheit aller Menschen als inhärenten Grundwert haben sollte, entgegen. Die Schlussfolgerungen für uns können somit nur lauten: lasst uns gemeinsam gegen die IB stehen, deren Propaganda zunichtemachen und ihre verkrusteten Geschichtsmythen angreifen!

Wir als gewählte Vertreter*innen der Studierendenschaft des Faches Geschichte möchten dazu ermutigen, nicht wegzusehen, wenn Rassist*innen aktiv werden und versuchen, mit ihrer Propaganda um Anerkennung zu werben.

Wir möchten daher den Appell an alle Studierende und Mitarbeiter*innen richten: Fallt nicht auf die plumpe Propaganda der Rechten rein, lasst euch nicht in verschiedene ‚Kategorien‘ trennen, seid solidarisch mit euren muslimischen Mitstudierenden, steht zusammen auf gegen Rassismus und macht deutlich, dass sowohl innerhalb als auch außerhalb der Universität kein Platz ist für Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz!

 

Der Fachschaftsrat Geschichte im Mai 2017

 

Weiterführende Literatur:

 

Zur ,Identitären Bewegung‘:

 

Historischer Hintergrund:          

  • Chapoutot, Johann: Der Nationalsozialismus und die Antike. Darmstadt, 2014.
  • Fischer, Andreas: Karl Martell. Der Beginn karolingischer Herrschaft. Münster, 2012.
  • Zuber, Helene: Razzia in Gallien: Karl Martell wollte Sarazenen, nicht den Islam besiegen. In: Dietmar Pieper (Hrsg.): Karl der Große. Der mächtigste Kaiser des Mittelalters. München, 2013. S. 58-64
  • Zöllner, Erich (Hrsg.): Österreich und die Osmanen: Prinz Eugen und seine Zeit. Wien, 1988.
  • Leuschner, Eckhard (Hrsg.): Das Bild des Feindes: Konstruktion von Antagonismen und Kulturtransfer im Zeitalter der Türkenkriege. Berlin, 2013.

 

Dieser Artikel wurde am 8. Mai 2017 publiziert und unter 2017, Aktuelles abgelegt.